Im Kino
Shit hört nicht auf zu happen
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
03.09.2026. Im speckig-verranzten Käfig, bewacht von einem Family Man der schlimmsten Sorte. David Michôd möchte aus dem Leben der Boxerin Christy Salters Martin gern ein emotionales Pop-Melodram machen, glaubt aber selbst nicht wirklich an die Geschichte, die er erzählt.
Ein "Family Man" ist James V. Martin, gibt man Christy (Sidney Sweeney) mit auf den Weg, bevor sie in den späten 1980ern zum ersten Mal den Mann trifft, der ihren weiteren Lebensweg prägen wird - for better or worse, wie man im Englischen sagt, aber schon weit überwiegend for worse. Warum "Family Man"? Das ist zunächst nur eine Chiffre dafür, dass der Mann, der die talentierte junge Boxerin Christy trainieren wird, gleichgeschlechtlicher Liebe nicht gewogen ist und dass die lesbische Christy ihre diesbezüglichen Neigungen lieber verheimlichen soll.
Schlimm genug. Später freilich wird sich zeigen, dass Martin nicht nur homophob ist, sondern noch darüber hinaus ein "Family Man" der schlimmsten Sorte. Nämlich einer, der Familie als ein Zwangs- und Kontrollsystem versteht, das sich von der Welt da draußen abkapselt. Einer, der in den eigenen, gemeint ist: in seinen, nicht in ihren vier Wänden ein paranoides Terror-Regime errichtet. Einer, der das Patriarchat alter Schule hochhält, freilich ohne dafür auch nur im Ansatz die Statur und die finanziellen Mittel zu haben, die zumindest im Selbstbild eines Patriarchen mit dieser Position einhergehen. Was alles noch viel, viel schlimmer macht.
Dass Christy das alles fast bis zum bitteren Ende am eigenen Leib erfahren muss, weiß bereits, wer mit der Lebensgeschichte der realen Boxerin Christy Salters Martin vertraut ist, die David Michôds Film erzählt. Diese Lebensgeschichte hat es in sich. Wer das alles noch nicht weiß, wird sich, nachdem die selbstunsichere, zunächst noch ausgesprochen jugendlich anmutende Christy zum ersten Mal mit James - einem mittelalten Typ, der sich die zu wenigen Haare denkbar unelegant über den Quadratschädel kämmt und auch sonst einen zunächst eher vage derangierten Eindruck macht - im Bett landet, eher denken: Auweia, aber was soll's, shit happens.
Nur dass shit nicht aufhört zu happen. Parallel zu Christys ab Mitte der 1990er langsam Fahrt aufnehmenden Boxkarriere (Don King, von Chad L. Coleman geradezu irritierend originalgetreu verkörpert, ist einer der ersten, der Christys kommerzielles Potential erkennt und hat einige amüsant exaltierte Auftritte im Film) schließt sich ein gerade nicht goldener, eher speckig-verranzter Käfig um die junge Frau. Es gehört zu den nicht allzu vielen Stärken des Films, dass er, was James und Christys Beziehung betrifft, in der sich Berufliches und Privates aufs Unguteste vermischt und die sich alsbald zur Ehe auswächst, nicht mit der Tür ins Haus fällt. Tatsächlich federt der Sportfilm, der "That's Why the Lady Is a Champ" (warum der deutsche Verleih meint, die Eleganz des Originaltitels "Christy" mit dieser Monstrosität ersetzen zu müssen, bleibt sein Geheimnis) ziemlich genau zur Hälfte ist, die Härten des häuslichen Melodrams, das er zur anderen Hälfte ist, eine ganze Weile ab. Solange Christy im Ring ihre oft einen ganzen Kopf größeren Gegnerinnen fast nach Belieben windelweich prügelt und anschließend wie ein Gummiball durch den Ring hüpft, bleibt James' hier und da durchschimmernde krankhafte Eifersucht kaum mehr als eine Randnotiz.

Als die Karriere um die Jahrtausendwende langsam zu stocken beginnt, wendet sich das Blatt. James reklamiert nicht nur Christys sportlichen Erfolg für sich; sondern die gesamte Christy, mit Haut und Haaren. Schließlich hat er sie geformt, nach seinen eigenen Vorstellungen; er ist, glaubt er und hat damit nicht ganz unrecht, dafür verantwortlich, dass aus einem eigensinnigen kurzhaarigen, brünetten Mädchen im Schlabber-Outfit eine platinblonde, kratzbürstige und im Promotion-Geplänkel vor ihren Kämpfen auch gern mal homophobe Sexbombe geworden ist.
Die vermutlich unfreiwillige Ironie an der Sache: Je mehr James, dieser finsterste aller Pygmalions, Christy nach seinem mentalen Bild formt, desto mehr schaut die zunächst kaum wiederzuerkennende Sidney Sweeney wieder nach Sidney Sweeney aus. Sweeney ist nicht zuletzt deshalb eine der interessantesten Schauspielerinnen unserer Zeit, weil sie eine ein bisschen vulgäre, fast volkstümliche Form von Glamour verkörpert (ein wenig wie Cameron Diaz in ihren besten Zeiten, vielleicht). Einen Glamour, der sich immer gleichzeitig aus kulturindustrieller Überformung und natürlicher Vitalität zu speisen scheint. Sweeney spielt zwar auch die subtileren beziehungsweise dramatischeren Passagen am Anfang beziehungsweise Ende des Films gut; aber ganz bei sich selbst ist sie nur zwischendrin, im Mittelteil, wenn sie mit voller Wucht eine Lüge lebt - und dabei von aller Welt gefeiert wird.
Wie zuletzt auch in "Michael" steckt in "That's Why the Lady Is a Champ" ein ziemlich toller, abgründiger Film über die eigentümliche Hyperrealität der Celebrity-Kultur; über biographische Fiktionen, die letztlich von allen Seiten als Fiktionen durchschaut, aber dennoch weiter gelebt werden, weil das Skript es verlangt. Nur leider will dieser tolle Film, wie schon in "Michael", einfach nicht so recht zum Vorschein kommen. Das liegt diesmal einerseits an der arg schematische Sportfilmstruktur in Verbindung mit weitgehend lieblos inszenierten Kampfszenen - viel zu oft scheint der Film seinen eigenen Attraktionen nicht zu vertrauen. Zum anderen liegt es daran, dass Sweeneys sorgfältiges, teils gar ein bisschen in Richtung Oscar bait ausschlagendes Spiel immer wieder mit dem rumpeligen Overacting kollidiert, das nicht nur Ben Foster als James kultiviert; sondern auch und fast noch mehr Merritt Wever als Christys kleingeistige Mutter Joyce, eine White-Trash-Karrikatur vor dem Herrn, die teils zum rhetorischen punching bag verkommt.
Man mag einwenden, dass Homophobie der Art, wie Joyce und James sie kultivieren, nunmal von Haus aus nicht besonders nuanciert ist. Und dass es deshalb Sinn ergibt, wenn in "That's Why the Lady Is a Champ" lediglich die Szenen mit Christys weiblichen love interests psychologisch glaubwürdig anmuten. Szenen, von denen es im Film allerdings viel zu wenige gibt, als dass sie als atmosphärisches Gegengewicht gegen die klaustrophobische Tumbheit der James-Joyce-Welt fungieren könnten.
Letztlich wirkt der in den USA katastrophal gefloppte "That's Why the Lady Is a Champ" wie ein Artefakt aus einem filmhistorischen Niemandsland, auf halbem Weg zwischen Vergangenheit und Gegenwart stecken geblieben. "Cole Miner's Daughter" war der Spitzname der realen Christy Salters Martin im Ring. Schon der ist gleichzeitig authentisch und Zitat, eine Anspielung nicht nur auf den Beruf ihres Vaters, sondern auch auf die County-Sängerin Loretta Lynn und deren gleichnamigen Hit; sowie auf Michael Apteds ebenfalls gleichnamiges Loretta-Lynn-Biopic. Apted konnte Lynns Lebensgeschichte 1980 noch in ein altmodisches, hochemotionales Pop-Melodram verwandeln. Michôd hat einerseits Ähnliches im Sinn; andererseits jedoch arbeitet die spitzfingrige Distanz, die der Film zur dargestellten Welt bewahrt, von Anfang an gegen den emotionalen Payoff des Melodrams.
Lukas Foerster
Christy - USA 2025 - Regie: David Michôd - Darsteller: Sydney Sweeney, Ben Foster, Merritt Wever, Katy O'Brian, Ethan Embry - Laufzeit: 135 Minuten.
Kommentieren



