Edition Text und Kritik, München 2026
ISBN
9783967076189 Gebunden, 346 Seiten, 29,00
EUR
Klappentext
Unter allen großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts stellt Herbert von Karajan (1908-1989) wohl die weltweit berühmteste, zugleich aber am schwersten greifbare Erscheinung dar. Auf der Grundlage zahlreicher neuer oder bislang unbekannter Dokumente entwirft das Buch von Wolfgang Rathert ein differenziertes Bild dieser komplexen Persönlichkeit mit dem Ziel, ihre notwendige Entmythisierung fortzuführen.Nach der ersten, über weite Strecken glänzenden Karriere im Nationalsozialismus entfaltete der "Generalmusikdirektor Europas" ab Mitte der 1950er Jahre als Nachfolger Furtwänglers an der Spitze der Berliner Philharmoniker, bei den Salzburger Festspielen, an der Wiener Staatsoper, in Luzern und Mailand und in strategischer Allianz mit der aufstrebenden Tonträger-Industrie seine Macht in beispielloser Weise. Nicht nur als Dirigent, sondern auch als Regisseur von Opern und Musikfilmen, als Intendant, als Festivalleiter und Musikunternehmer versuchte Karajan auf den Spuren Richard Wagners seine Vision eines perfekten musikalischen Kunstwerks zu realisieren. Seiner verdrängten musikpolitischen Vergangenheit und den Folgen seines Pakts mit dem technologischen Fortschritt stand Karajan jedoch zunehmend ohnmächtig gegenüber. Ob er am Ende an der Dialektik von Macht und Ohnmacht scheiterte und welches Vermächtnis er hinterlassen hat, bleibt diskussionswürdig.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2026
Rezensent Clemens Haustein erfährt in Wolfgang Ratherts Karajan-Buch, inwieweit Karajans Stil in dessen Haltung und Verhalten während des Nationalsozialismus wurzelt. Anders als Michael Wolffsohn nimmt der Musikwissenschaftler Rathert den Künstler nicht in Schutz gegen Vorwürfe der Nähe zu den Nazis, sondern behandelt extensiv seine nationalsozialistischen Überzeugungen anhand von Beispielen aus Karajans Aachener Zeit als Generalmusikdirektor, etwa der Auswahl von linientreuen Komponisten für das Konzertprogramm, erklärt der Kritiker. Ratherts Urteil, Karajan sei mitnichten unpolitisch gewesen, scheint Haustein überzeugend zu finden. Auch der "Nachkriegs-Karajan" habe immer wieder "Stilmerkmale" von Faschismus und Futurismus aufgefriffen, ist zu lesen, verständlich wird für den Rezensenten vor diesem Hintergrund auch Karajans exzessive Selbstdarstellung, zum Beispiel in seinen späteren Musikfilmen, in denen Musiker und Publikum nur noch als "gestaltlose Masse" vorkamen. Über Karajans "Musizierstil" schreibt der Autor laut Haustein ebenfalls Erhellendes.
FAZ-Kritiker Clemens Haustein deutet Wolfgang Ratherts neue Karajan-Biografie auch als Antwort auf Michael Wolffsohns Anfang des Jahres veröffentlichtes Karajan-Buch, dessen Fazit - Karajan war Formalnazi, aber kein Gesinnungsnazi - einiges an Aufsehen erregte. Nach der Lektüre von Ratherts Buch und insbesondere der Passagen über Karajans Aachener Zeit in den Dreißigern stimmt man dem vielleicht nicht völlig unumwunden mehr zu, schreibt Haustein. Unser Resümee
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