Die kleine Salomon-Weinreb-Straße macht nach einem leichten Anstieg plötzlich eine Kehrtwende, als hätte sie es sich anders überlegt. "Wendehammer am Ende der Straße" informiert ein Schild an der Einmündung. Die Siedlung ist auf unauffällige Art schön, man spürt die angenehme Nachbarschaft, ein entschleunigtes Leben. Seit jedoch eine jüdische Erbengemeinschaft auf alle Grundstücke Restitution angemeldet hat, heißt es, hier werde den Leuten im Wortsinn der Boden unter den Füßen entzogen. Jeder, der eines der schlichten Häuschen besitzt, muss sich der Frage von Schuld oder Mitschuld stellen. Bilder der tot geglaubten Juden werden entworfen und Geschichten konstruiert, die zum eigenen Leben passen. So wird die Erzählung von den Folgen einer Rückforderung zur Leinwand für das lebendige Porträt einer Nachbarschaft, die ihre Sicherheit und Homogenität verliert, weil man eine moralische Lösung nur suchen, aber nicht finden kann.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 22.02.2014
Eingenommen zeigt sich Cornelia Geißler für Kathrin Gerlofs Roman um die Bewohner einer Straße, deren Häuser nach dem Mauerfall von einer jüdischen Erbengemeinschaft beansprucht werden. Die Autorin erzählt für sie darin eine Geschichte, wie sie überall im deutschen Osten passieren kann, eine Geschichte über die Wunden und Nachwirkungen der deutschen Vergangenheit. Geißler hebt die anschauliche Rekonstruktion der Lebenswege der Betroffenen hervor, bei der auch die jüdischen Vorfahren der Erben zu Wort kommen. Besonders lobt die Rezensentin, dass die Autorin für jede Figur einen "eigenen Ton" findet.
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