Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

455 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 46

Magazinrundschau vom 01.09.2026 - Guardian

Bild: Nina Rundsveen. Quelle: Wikipedia. CC BY-SA 4.0

James Crawford begutachtet in Norwegen das Mjøstårnet, ein 84 Meter hohes Hochhaus, das fast komplett aus Holz errichtet wurde und damit das höchste seiner Art ist. Holz, erfährt Crawford von Rune Abrahamsen, einem Ingenieur, der am Bau des Gebäudes mitwirkte, gehört im Baugewerbe die Zukunft, da Zementbau zu den schlimmsten Klimakillern gehört. Holz dagegen bindet auch in verbauter Form noch CO2 und wächst außerdem nach. Freilich gibt es beim Bau größerer Gebäude mit Holz einige Besonderheiten zu beachten: "Holzgebäude sind, wie Rune erklärte, im Vergleich zu Konstruktionen aus Beton und Stahl sehr leicht. 'Und man darf nicht vergessen, dass Gebäude vertikale Kragträger sind. Wenn also oben der Wind weht, verstärken sich die Kräfte, sodass weiter oben horizontale Beschleunigungen entstehen.' ...  Strukturell könne das Holz diese Kräfte problemlos aushalten - aber für die Menschen, die sich tatsächlich in den oberen Stockwerken aufhielten, könne das anders aussehen. Um das Schwanken zu dämpfen und die Gefahr von 'Seekrankheit' zu beseitigen, mussten sie das Gebäude beschweren. Schließlich entschieden sie sich dafür, auf den Geschossdecken der oberen Stockwerke Betonschichten aufzubringen. Das war nur ein Bruchteil dessen, was die meisten Hochhäuser an Beton verwenden würden, und entsprach dem Minimum, das erforderlich war, um 'Komfort'-Standards zu erfüllen. Aber der Beton war dennoch nötig. Für die Konstruktion des Gebäudes selbst verwendeten sie eine neuartige und unerprobte Montagetechnik. Die Hunderte von Brettschichtholzbalken, -stützen und -bindern, aus denen die Tragkonstruktion bestand, wurden in einer nahe gelegenen Fabrik mit millimetergenauer Präzision bearbeitet und geformt und anschließend einzeln zur Baustelle transportiert - ohne sie vorher probeweise zusammenzufügen. Im Grunde war Mjøstårnet also ein Hochhaus als Bausatz: Sein einfaches Holzskelett wuchs Stück für Stück und Stockwerk für Stockwerk rasch in die Höhe - mit einer Geschwindigkeit von fast einem Stockwerk pro Woche."
Stichwörter: Holzarchitektur

Magazinrundschau vom 18.08.2026 - Guardian

Shaun Walker rekonstruiert mit Hilfe vieler Seiten Gerichtsakten und zahlreicher Interviews den Fall eines vermeintlichen russischen Oppositionellen, der vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB als Informant angeworben wurde und in der russischen Exil-Community in Polen aktiv war. Ein Super-Spion war dieser Igor Rogow - inzwischen zu sieben Jahren Haft verurteilt - wohl nicht, eher ein naiver und überforderter junger Mann, der sich erpressbar gemacht hatte und auch seine Frau Irina in seinen Verrat involvierte. Seine Geschichte erlaubt Rückschlüsse darauf, wie die russischen Geheimdienste Oppositionsgruppen infiltrieren: "Aus den Akten geht nicht klar hervor, ob der ursprüngliche Impuls, sich in der Oppositionspolitik zu engagieren, von Rogow oder von (seinem FSB-Kontakt) Jewgeni ausging. Doch nachdem Rogow seine politische Aktivität aufgenommen hatte, drängte ihn der FSB-Mann, möglichst viele Kontakte zu knüpfen. 'Ich sollte einfach weiter die Dinge tun, die ich ohnehin tun wollte: in Oppositionskreisen aufsteigen, neue Leute kennenlernen, Menschen helfen - und dann am Ende dem FSB über alles Bericht erstatten', erinnerte sich Rogow. Wann immer er von einer Reise zu einer Oppositionskonferenz in Moskau oder im Ausland zurückkehrte, erzählte er Irina, er müsse einige Zeit darauf verwenden, einen Bericht für Jewgeni auszuarbeiten. Das ideale Szenario, erklärte Jewgeni Rogow, wäre es, wenn er auf einer dieser Auslandsreisen von einem westlichen Geheimdienst angesprochen und als Mitarbeiter angeworben würde. 'Der Plan war, dass ich ein Doppelagent werden sollte', sagte Rogow. Dazu kam es nie, doch der Plan deutet darauf hin, dass Jewgeni große Pläne für seinen Agenten hatte. In jeder russischen Region gebe es, wie mir ein europäischer Geheimdienstmitarbeiter sagte, zahlreiche FSB-Offiziere, die sich darauf konzentrierten, Oppositionsgruppen zu infiltrieren, und diese Beamten suchten nach Möglichkeiten, ihre Fälle über das bloß lokale Interesse hinauszuheben. 'Der Beamte auf niedriger Ebene, der die Anwerbung vorgenommen hat, wird versuchen, sich zu profilieren, indem er den Fall so weit wie möglich vorantreibt', sagte die Quelle."

Sind wir doch allein da draußen? Adam Kirsch befasst sich mit der Frage, weshalb es der Wissenschaft bislang nicht gelungen ist, intelligentes Leben aufzuspüren, das seinen Ursprung nicht auf der Erde hat. Und das, obwohl Astronomen in den 1960er Jahren spekuliert hatten, dass es in unserer Galaxie um die 50 000 Zivilisationen geben müsse, die, ähnlich wie unsere eigene, lesbare Signale ins All entsenden. Konkret beschäftigt sich Kirsch mit der Drake Equation, die sieben verschiedene Faktoren identifiziert, die zusammenspielen müssen, damit auffindbares extraterrestrisches Leben entsteht. Soweit sich diese Faktoren auf die Entstehung erdähnlicher Planeten außerhalb unseres Sonnensystems beziehen, die theoretisch die Voraussetzung für die Enstehung von Leben erfüllen, hat die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten entscheidende Fortschritte gemacht. Mehr Probleme bereiten Faktoren, die sich auf die tatsächliche Entstehung intelligenten Lebens beziehen. Besonders heikel ist der siebte Faktor, der angibt, wie alt eine Zivilisation werden kann, die fähig ist, Signale ins All zu senden: "Solange unsere technologische Zivilisation die einzige ist, von der wir wissen, haben wir keine Möglichkeit, die Lebensdauer solcher Zivilisationen zu schätzen. Wir können nur überlegen, wie lange unsere voraussichtlich bestehen kann. Und es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass dies keine sehr lange Zeit sein könnte. Die Entstehung der Radioastronomie und der Raumfahrt fiel mit der Erfindung der Atomwaffen zusammen; dieselbe Raketentechnologie, die Astronauten zum Mond brachte, wurde auch zum Bau interkontinentaler ballistischer Raketen eingesetzt. Die Menschheit hat es in den vergangenen 80 Jahren geschafft, sich nicht selbst in einem Atomkrieg zu vernichten, doch es müsste schon ein sehr kühner Prophet sein, der garantieren wollte, dass uns dies auch in den nächsten 80 Jahren gelingt - ganz zu schweigen von den nächsten 800. Möglicherweise ist technologischer Fortschritt selbstbegrenzend: Jede Spezies, die mächtig genug ist, ihrem Planeten zu entkommen, ist auch mächtig genug, ihn zu zerstören."

Magazinrundschau vom 25.08.2026 - Guardian

Dem Internet gingen Warnungen übers Internet voraus - aber auch Lobeshymnen. Jill Lepore unternimmt einen Streifzug durch eine ganze Reihe von Diskussionen über das Wohl und Wehe moderner Kommunikationstechnologie, der von den 1950ern bis in die 1990er reicht. Ihre Hauptthese: Warnungen bezüglich eines "automatisierten Staates", der den Bürgern seine Rechte nimmt, wurden nicht erhört. Tatsächlich jedoch zeigt ihre Materialsammlung vor allem, dass zu allen Zeiten ganz Unterschiedliches, Euphorisches wie Dystopisches, Hellsichtiges wie Illusorisches, über zukünftige Technik vorhergesagt wurde. Erstaunlich ist zum Beispiel eine Prognose des Sozialwissenschaftlers Ithiel de Sola Pool, der 1968 in einem Essay "vorhersagte, dass Entwicklungen wie personalisierte Zeitungen in ein Zeitalter des Hyperindividualismus führen würden. 'Ein Leser beginnt damit, eine Zusammenfassung der Nachrichten anzufordern', stellte sich Pool vor. 'Er kann zu jeder Meldung, die ihn interessiert, weitere Einzelheiten anfordern.' Pool war überzeugt, dass die Hyperpersonalisierung von Nachrichten die Politik verändern würde. 'Im 21. Jahrhundert könnten sich dieselben Kritiker, die heute die Konformität der Gesellschaft angreifen, über eine atomisierte Gesellschaft beklagen', sagte Pool voraus. 'Sie werden behaupten, die moderne Technologie habe unsere gemeinsame kulturelle Grundlage zerstört und jeden von uns dazu gebracht, in einer kleinen Welt zu leben, die ganz seine eigene ist.' Damit lag er nicht falsch. 'In der kommenden atomisierten Gesellschaft werden die Informationen, die der Bürger erhält, aus seinen ganz persönlichen Anliegen hervorgehen', schrieb er, und 'wenn jeder seinen eigenen Informationsbestand auswählen kann, wird es immer schwieriger werden, eine wirksame politische Unterstützung für ein vernünftiges Anliegen oder einen Kandidaten zu organisieren.'"

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Sophie McBain porträtiert Art Spiegelman, den legendären New Yorker Autor des Comicklassikers "Maus". Von seiner ursprünglich in der Zeit erschienenen, unmittelbar nach dem Terroranschlag vom 11. September entstandenen Comicserie "In the Shadow of No Towers" kommt demnächst eine Neuausgabe (hier unser Resümee zur deutschen Erstaugabe). Der Eindruck einer gewaltigen Zäsur hat sich bei ihm mittlerweile allerdings deutlich verschoben: "Er sieht den Tag nicht mehr als den 'Moment, in dem die Welt untergeht'. 'Es war eine große Sache. Aber nur eine kleine im Vergleich zu den großen Sachen, die wir heute sehen', sagt er. 'Ich bin derzeit viel lieber in New York als in Iran, als Beispiel.' ... Spiegelmans Stimmung verdüstert sich, wenn er darüber spricht, wie Trump 'sehr effektiv' die demokratischen Ideale des Landes 'demontiert' hat: 'Worin auch immer diese Ideale bestanden, wir wurden ihnen sicher nie gerecht, aber zumindest hatten wir sie. Jetzt ist alles so zynisch und schäbig und dumm.' ... Er zögert nicht, die Trump-Adminitration als faschistisch zu beschreiben. ...'Es ist kein Nazismus per se, aber es gibt da ein Muster. ... Ich neige dazu, pessimistisch zu sein, aber das hier ist schlimmer als das meiste, was ich kenne', sagt er über die amerikanischen Politik. 'Ich sehe da auch keinen Ausweg.' Die Medien kämpfen darum, sich in diesen Post-Truth-Zeiten im Rennen zu halten, erklärt er, die Gerichtshöfe sind voller Trump-Beauftragter, demokratische Normen sind zerstört und es gibt keine wirkliche Opposition. Die Republikaner sind 'zu diesem Zeitpunkt das Äquivalent zu etablierten Mafiosi', sagt Spiegelman. 'Sie haben gemordet, sie sind Komplizen bei irgendwas und deshalb müssen sie sich als Komplizengemeinschaft weiter bewegen. Es ist sehr schwierig für einen auszubrechen und zu sagen, 'das ist irrsinnig'. Die USA brauchen eine 'Gegenrevolution', sagt Spiegelman. 'Aber ich wüsste nicht, wo man danach Ausschau halten sollte, weil die Demokraten so zaghaft sind.'"

Magazinrundschau vom 28.07.2026 - Guardian

Der Irak befindet sich derzeit buchstäblich zwischen den Fronten, meint Ghaith Abdul-Ahad. Das Land ist einerseits von finanzieller Unterstützung durch die USA angewiesen, kann sich aber andererseits auch nicht vom Nachbarland Iran lösen - schon, weil in beiden Ländern der schiitische Islam dominiert. Seit Beginn des Kriegs zwischen den USA und Iran werden regelmäßig irakische Ölproduktionsanlagen attackiert - und zwar keineswegs nur vom Iran aus: "Mehrere Offizielle sagten mir vertraulich, dass die Angriffe auf die Ölanlagen von der Islamischen Widerstandsbewegung im Irak (Islamic Resistance in Iraq, IRI) ausgeführt worden seien - einem Dachverband schiitischer paramilitärischer Organisationen, die ursprünglich vom Iran ausgebildet und ausgerüstet wurden, um nach der Invasion von 2003 gegen die Amerikaner zu kämpfen. Fraktionen der IRI gehören zugleich zu den Popular Mobilisation Units (PMU), einem Zusammenschluss überwiegend schiitischer, vom Iran unterstützter Milizen im Irak, der 2014 zur Bekämpfung des sogenannten Islamischen Staates gegründet wurde. Die PMU unterstehen theoretisch der irakischen Regierung, verfolgen in der Praxis jedoch ihre eigene Agenda. Investitionen in den Bau- und Agrarsektor verschaffen ihnen zudem eine eigenständige wirtschaftliche Machtbasis." Tatsächlich ist der Irak der Gegenwart ein schizophrener Staat: "Obwohl er mit seiner schiitischen Bevölkerungsmehrheit nach außen hin wie ein einheitlicher, von Bagdad aus regierter Staat erscheinen mag, üben tatsächlich zahlreiche Gruppen mit unterschiedlichem Grad an Eigenständigkeit - entstanden in der Folge der Invasion von 2003 - erheblichen Einfluss aus. Heute gibt es im Land zwei Arten paramilitärischer Milizen: diejenigen, die ihre Waffen einsetzen, um ihre wirtschaftlichen Interessen zu schützen - also die staatlichen Aufträge und Unternehmen, die sie im Laufe der Jahre aufgebaut haben. Und diejenigen, die in erster Linie von Ideologie geleitet werden: Sie fühlen sich dem iranischen Projekt zutiefst verpflichtet, Israel zu besiegen und die Vereinigten Staaten aus dem Nahen Osten zu verdrängen."
Stichwörter: Irak, Iran-Krieg

Magazinrundschau vom 21.07.2026 - Guardian

Kaya Genç berichtet vom Prozess gegen den türkischen Oppositionspolitiker Ekrem İmamoğlu, dem "142 Straftaten, darunter die Führung einer kriminellen Organisation, Bestechlichkeit, die unrechtmäßige Beschaffung personenbezogener Daten, Unterstützung der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Erpressung, Manipulation öffentlicher Ausschreibungen sowie zahlreiche weitere Finanzdelikte" vorgeworfen werden, Delikte, "die mit Freiheitsstrafen von insgesamt bis zu 2.430 Jahren geahndet werden könnten." Dass die Vorwürfe aus der Luft gegriffen sind und es in Wahrheit darum geht, einen Mann unschädlich zu machen, der seit seinem Sieg bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul 2019 dem Erdoğan-Regime gefährlich zu werden drohte, ist ein offenes Geheimnis. Dass die Verhandlung nicht mit einem Freispruch enden wird und İmamoğlu das Gefängnis nicht verlassen wird, solange Erdoğan Präsident ist, ebenso. Im Schatten des spektakulären Prozesses wird die türkische Demokratie fröhlich weiter abgewrackt: "İmamoğlus Fall ist kein Einzelfall: Türkische Staatsanwälte haben im ganzen Land Ermittlungen gegen von der Opposition regierte Kommunen eingeleitet. Fast jede Woche gibt es Berichte über neue Festnahmen von CHP-Bürgermeistern auf Bezirks- und Stadtebene. Nach ihrer Festnahme werden ihre Ämter häufig von ihren Stellvertretern übernommen. Nuri Aslan, İmamoğlus ehemaliger Stellvertreter, leitet inzwischen Istanbul. In den Istanbuler Bezirken Esenyurt und Şişli hat die Regierung sogenannte Kayyıms (Zwangsverwalter bzw. staatlich eingesetzte Treuhänder) ernannt, um die inhaftierten CHP-Bürgermeister zu ersetzen. Die Oxford-Wissenschaftlerin Ezgi Başaran hat ausgerechnet, dass 30 Kommunen in der Türkei mit insgesamt 28 Millionen Einwohnern von Politikern regiert werden, die aufgrund dieser Festnahmen nicht von der Bevölkerung gewählt wurden. Zwischen den Kommunalwahlen im März 2024 und Mai 2026 wechselten 76 Bürgermeister verschiedener Parteien - darunter 17 von der CHP - zur AKP, vermutlich um dem Schicksal İmamoğlus zu entgehen."

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Isaac Butlers Buch "The Perfect Moment: God, Sex, Art, and the Birth of America's Culture Wars" beschäftigt sich mit der Vorgeschichte der Kulturkämpfe der Gegenwart. Letzte Woche hatte Louis Menand es im New Yorker besprochen (unser Resümee). Für den Guardian trifft sich David Smith mit dem Autor und lernt, dass die entscheidenden Weichen in den USA Ende der 1980er gestellt wurden: "Die religiöse Rechte hatte maßgeblich zur Wahl Ronald Reagans zum Präsidenten beigetragen. Doch am Ende seiner zweiten Amtszeit war sie der Ansicht, dafür kaum Gegenleistungen erhalten zu haben: Schwangerschaftsabbrüche waren weiterhin legal, und ihre legislativen Erfolge blieben überschaubar. Mit dem Ende des Kalten Krieges suchte sie nach einem neuen Gegner, um ihre Anhängerschaft zu mobilisieren und ihren Einfluss in der US-Politik auszubauen." Da kam Kunst und insbesondere Kunst von schwulen Künstlern wie Robert Mapplethorpe zum Beispiel als Gegner genau recht. Angeregt zu seinem Buch habe ihn jedoch die Absage einer Retrospektive des amerikanischen Malers Philip Guston in der National Gallery of Art 2020, erzählt Butler (unsere Resümees). "Guston, ein lebenslanger Antirassist und jüdischer Künstler, dessen frühe Werke vom Ku-Klux-Klan zerstört worden waren, stellte in seinen späten Gemälden häufig skurrile, karikaturistische Darstellungen von Klanmitgliedern dar. Die Kunstszene, von einer plötzlichen moralischen Panik erfasst, befürchtete, die Bilder seien in ihrer antirassistischen Sichtweise nicht 'ausreichend eindeutig' und könnten die Betrachter verstören. 'Ich war fassungslos' so Butler, 'dass Menschen, die ich als meine Verbündeten betrachten würde - also wohlmeinende Linke in der Kunstwelt -, einem anderen Künstler, einem lebenslangen Antirassisten, so etwas antun wollten. Als Jude war ich ziemlich wütend darüber, dass die jüdischen Erfahrungen mit dem Klan ausgeblendet wurden... Ich wollte die freie Meinungsäußerung als linken Wert zurückerobern, weil ich sah, wie immer mehr meiner Freunde ihm skeptisch gegenüber standen. Was meiner Meinung nach eine verständliche Reaktion auf die schreckliche Lage ist, die seit 2020 herrschte und weiterhin herrscht.' Gleichzeitig schärfte die Rechte ihre eigenen Klingen. Der Aufstieg von Persönlichkeiten wie Ron DeSantis, dem republikanischen Gouverneur von Florida, und die Einführung von 'Don't say gay'-Gesetzen kamen Butler alarmierend bekannt vor. 'Jeder republikanische Kandidat überbot den anderen geradezu darin, herauszufinden, wer Trans-Menschen am stärksten unterdrücken und zum Schweigen bringen könnte. All das passierte wieder - und es kam mir so vertraut vor angesichts dessen, was ich selbst durchlebt hatte. Da dachte ich mir: Oh ja, ich möchte die Geschichte jener Zeit aufschreiben, die für mich so wichtig war. Es war eine Feuerprobe, in der meine Identität geformt wurde."

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - Guardian

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Die Historikerin Erin Maglaque hat mit "Presence: A Hidden History of the Female Body" ein Buch auch über Abtreibungen geschrieben, die historisch immer mal unterschiedlich bewertet wurden, aber nie ganz verschwanden, wie sie im Guardian erklärt: "Heute behauptet die katholische Kirche, Abtreibung seit dem ersten Jahrhundert als Todsünde betrachtet zu haben. Das stimmt nicht. Für den größten Teil der Geschichte der Kirche haben katholische Theologen geglaubt, dass die moralische und physische Last einer Abtreibung vom Gestationsalter abhängt. Eine frühe Schwangerschaft ging leicht ab und war von Gott noch nicht mit einer Seele versehen worden; die Menschwerdung, nahm man an, geschah bei männlichen Föten mit 40, bei weiblichen mit 80 Tagen. (Das waren die Momente, bei denen man davon ausging, dass Föten eine menschliche Form annehmen; das weibliche Geschlecht wurde als kälter und feuchter angesehen, weshalb es länger dauern sollte, bis es sich im Uterus zu einem Menschen formte.) Vor dem Moment der Menschwerdung konnte der ungeformte Fötus abgetrieben werden und die schwangere Frau dadurch nur geringe Schuld auf sich laden, bei einem späteren Stadium der Schwangerschaft sah man den Fötus als Mensch und seine Zerstörung als Mord an. (…) Dieses Denken wurde von Papst Sixtus V. 1588 in seiner Bulle über Abtreibung radikal verdammt, die erste, die die katholische Kirche je erließ. Das war Teil von Sixtus' reformatorischer Kampagne gegen sexuelle Formen moralischer Devianz, gegen Ehebruch und Inzest hatte er 1586 und 1587 strikte Gesetze erlassen. In seiner Abtreibungs-Bulle ebnete er den Unterschied zwischen Prä- und Post-Menschwerdungs-Fötus ein und deklarierte, das Leben beginne mit der Empfängnis. (…) Als Resultat beschlossen viele Frauen nach der Bulle, exkommuniziert zu leben, auch wenn das bedeutete, dass sie nicht länger die Sakramente und die Kommunion empfangen konnten. Für Pfarrer und Bischöfe war die Bulle unmöglich umzusetzen und derart mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen unvereinbar, dass sie drei Jahre später vom Nachfolge-Papst aufgehoben wurde. Die Haltung der Kirche zum Thema Abtreibung orientierte sich nun wieder enger am Gestationsalter."

Magazinrundschau vom 16.06.2026 - Guardian

Claudia Sheinbaum ist "die beliebteste linke Staatschefin weltweit", berichtet Rachel Nolan. Die Politikerin, die 2024 zur Präsidentin Mexikos gewählt wurde, ist nach wie vor außergewöhnlich beliebt, vor allem die von ihr ausgeweiteten Sozialprogramme - und auch eine Bildungsreform, die kostenlosen Zugang zum Universitätsstudium ermöglicht - kommen gut an. Kritisiert wird sie hingegen dafür, wie sie mit dem Problem der vielen Verschleppten und Vermissten im Zuge des seit Jahrhezehnten tobenden Drogenkriegs umgeht. Wie bereits ihr Vorgänger und Mentor Andrés Manuel López Obrador, genannt AMLO, war Sheinbaum mit dem Versprechen angetreten, die Verwicklung staatlicher Organe wie der Armee in die Verschleppungen aufzuarbeiten. Dies ist bislang nicht passiert, eher im Gegenteil: Sheinbaum erweist sich als eine äußerst militärfreundliche Präsidentin. Warum ist das so? "Eine naheliegende Erklärung ist, dass ihr Erfolg davon abhängt, die Unterstützung des Militärs zu sichern. Angesichts des Stolzes auf die nationale Souveränität und der extremen inneren Unsicherheit, mit der Mexiko konfrontiert ist, ist das Militär für jeden Präsidenten von entscheidender Bedeutung. Unter AMLO und Sheinbaum ist seine Rolle für die Funktionsweise des Staates sogar noch zentraler geworden. Als Präsident verfolgte AMLO einen neuen Ansatz zur Verringerung der drogenbedingten Gewalt. Er reduzierte militärische Operationen gegen die Kartelle und weitete Sozialprogramme aus, die junge Menschen von kriminellen Aktivitäten fernhalten sollten. Gleichzeitig stärkte er - zur Überraschung vieler - die Rolle der Streitkräfte im zivilen Leben. AMLO setzte sie für alles Mögliche ein: von der regulären Straßenpatrouille über die Besetzung von Autobahnkontrollpunkten bis hin zum Straßenbau und dem Bau eines neuen Flughafens. Sheinbaum intensivierte diesen Ansatz noch, indem sie die Nationalgarde - eine 2019 gegründete Sicherheitskraft - im Jahr 2025 direkt in die SEDENA eingliederte. Zu den zahlreichen Aufgaben der Nationalgarde gehört inzwischen auch das Aufgreifen ausländischer Migranten, die versuchen, über Mexiko in die USA zu gelangen."

Magazinrundschau vom 09.06.2026 - Guardian

Der inzwischen im spanischen Exil lebende Journalist Abraham Jiménez Enoa erzählt die Geschichte von El Estornudo (englisch: The Sneeze), einem von ihm mitbegründeten unabhängigen kubanischen Online-Magazin, das dem von der Kommunistischen Partei Kubas kontrollierten Einparteienregime von Anfang an ein Dorn im Auge war. Dass es überhaupt entstehen konnte, verdankt sich der zunehmenden Verbreitung des Internets im Land. 2015 wurden 35 öffentliche Wifi-Hotspots installiert, woraufhin sich in einigen kubanischen Parkanlagen eine digitale Schattenökonomie etablierte: "Um online zu gehen, musste man Karten in Postämtern und Zeitungskiosken kaufen. In den Parks wimmelte es von jungen Leuten, die diese Karten aufkauften und ihre Internetverbindungen anschließend mithilfe von Apps und Bluetooth mit anderen teilten. Die Nutzung ihrer illegalen Dienste kostete einen US-Dollar pro Stunde - nur halb so viel wie das staatliche Internet. Wie Drogendealer bewegten sich die 'Internethändler' durch die Parks und boten ihre Ware mit leiser Stimme an, stets darauf bedacht, der Verfolgung durch die Polizei zu entgehen. Ohne sie hätten viele Kubaner den Kontakt mit ihren Verwandten im Ausland nicht aufrecht erhalten können. Und wir unabhängigen Journalisten hätten sicherlich nicht so viele Stunden im Internet verbringen können." Nach und nach wurde die Netzinfrastruktur ausgebaut - und mit ihr der Repressionsapparat: "Das Internet wurde rasch zu einem Motor des Wandels, indem es Aktivisten und Oppositionsgruppen auf der ganzen Insel sowie im Exil miteinander vernetzte. Um dieser unerwünschten Nebenwirkung - der Gedankenfreiheit - entgegenzuwirken, verschärfte das Regime seine repressiven Maßnahmen bis ins Absurde. Es wurde zur Regel, dass mich Zivilbeamte daran hinderten, die Straße zu betreten, wenn ich versuchte, den Müll hinauszubringen oder Lebensmittel einzukaufen. Einen Haftbefehl bekam ich nie, dennoch konnte ich mein Haus nicht verlassen. Eine Polizeisperre hielt mich in meiner Wohnung fest. Die Regierung kappte meinen Internetzugang sowie mein Mobil- und Festnetztelefon. Ich war isoliert und stand unter ständiger Beobachtung von Polizeibeamten, die mich durch die Fenster überwachten. Ich konnte kranke Angehörige nicht besuchen; und wenn ich keine Lebensmittel zu Hause hatte, dann hatte ich nichts zu essen." Und das ist erst der Anfang des Martyriums, das Enoa vor seiner erzwungenen Ausreise erdulden musste.
Stichwörter: Kuba, El Estornudo

Magazinrundschau vom 14.04.2026 - Guardian

Das britische Universitätswesen ist inzwischen krass unterfinanziert, was an fehlenden staatlichen Investitionen und vergleichsweise niedrigen Studiengebüren für britische Studenten liegt. Damit nicht alles zusammenbricht, setzen Universitäten seit geraumer Zeit auf ausländische Studenten vor allem aus Indien, China und Nigeria, berichtet Samira Shackle. Gleichzeitig allerdings versucht die Politik, Migration zu erschweren, was dazu führt, dass die meisten internationalen Studenten keine Chance haben, nach dem Abschluss im Land einen Job zu finden. Außerdem ist ein System von Bildungsagenturen entstanden, die im Auftrag der Universitäten gezielt potentielle ausländische Studenten anwerben - mit oft fragwürdigen Methoden. Shackle unterhält sich unter anderem mit Priya Kapoor, einer ehemaligen Mitarbeiterin einer dieser Agenturen: "Als die Fristen im Januar näher rückten, schrieb Kapoor bis zu 20 Bewerbungen pro Tag. Sie musste Prioritäten setzen. Je besser die Universität, desto mehr Zeit nahm sie sich. Als Faustregel galt: Für Bewerbungen an Universitäten der Russell Group nahm sie sich etwa eine halbe Stunde. Die niedriger eingestuften Universitäten, die den Großteil von Kapoors Arbeitsaufwand ausmachten, erhielten im Durchschnitt jeweils 15 Minuten ihrer Zeit. 'Einige von ihnen waren nicht die besten, aber das spielte keine Rolle, weil wir wussten, dass die Kandidaten durchkommen würden', sagte sie. ... Mit der Zeit fühlte sich Kapoor in ihrer Rolle in diesem System immer schlechter. 'Ich wusste, wenn ich an 100 Bewerbungen arbeitete, würden 98 davon den Bewerbern in ihrem Leben nicht helfen', sagte sie. 'Ich meine, ich bin aufgewacht und habe angefangen zu lügen, dann bin ich lügend eingeschlafen, und ich bin nur aufgewacht, um wieder zu lügen.'"

Magazinrundschau vom 30.03.2026 - Guardian

Ist es möglich, die bekannteste Person eines Landes unsichtbar zu machen? Pakistanische Behörden versuchen das laut Osman Samiuddin seit einigen Jahren mit Imran Khan, ehemals größter Cricket-Star des Landes und zwischen 2018 und 2022 Premierminister. 2023 wurde er verhaftet, es laufen diverse Verfahren gegen ihn, angestrengt von seinen Gegnern in der militärischen Führungselite des Landes. Khan ist kein Unschuldslamm, stellt Samiuddin klar, sondern ein Social-Media-affiner Populist im Trump-Stil. Die derzeitige Kampagne gegen ihn bleibt gleichwohl absurd. Die Medien sind angehalten, den Namen "Imran Khan" nicht mehr zu verwenden. Ein Zensurexzess, der merkwürdige Blüten treibt: "Ein bekannter Moderator bei ARY News verwendete Imrans Namen und korrigierte sich dann sofort mit den Worten: 'Ich entschuldige mich … der Vorsitzende von Pakistan Tehreek-e-Insaf.' Derselbe Sender machte Imran auf einem Foto unkenntlich, das ihn bei einem Treffen mit IWF-Vertretern zeigte. Die absurdeste Verrenkung kam von Imrans früherem Arbeitgeber, dem Pakistan Cricket Board (PCB). Als sie ein Video veröffentlichten, das Pakistans größte Cricket-Erfolge feierte - darunter Aufnahmen der Mannschaft, die Imran 1992 zum Weltmeistertitel führte - war Imran vollständig herausgeschnitten worden, und zwar auf Anweisung des PCB-Vorsitzenden (eines politischen Ernannten). Zaka Ashraf handelte dabei laut einem PCB-Mitarbeiter, mit dem ich gesprochen habe, nicht auf direkte Anweisungen von oben. Er habe einfach die Stimmung erkannt und gedacht, dass dies das zweckmäßigste Vorgehen sei. Nach heftiger Kritik sah sich der Verband gezwungen, eine überarbeitete Version zu veröffentlichen, in der Imran kurzzeitig wieder zu sehen war. 'Aufgrund der Länge', erklärten sie, 'wurde das Video gekürzt, und einige wichtige Szenen fehlten.'"
Stichwörter: Khan, Imran, Pakistan