An der Deutschen Oper in Berlin eröffnet Regisseurin Susanne Kennedy die Intendanz von Aviel Cahn mit Karlheinz Stockhausens Oper "Mittwoch aus Licht". Ein "Coup" laut FAZ-Kritiker Clemens Haustein, wurde die Oper doch bislang nie szenisch in Deutschland gezeigt. Der Komponist, dem Esoterischen nicht abgeneigt, entwirft hier eine Kosmologie, in der die Musik erhaben werden soll, auch im Wortsinn, denn das zentrale Streichquartett wird in fliegenden Helikoptern vorgetragen. Hier finde die Inszenierung "zur Höchstform, Technik und Kunst verbinden sich in einer monströsen Nummer. Wenn die vier Musiker, jeder in einem eigenen Helikopter sitzend, abheben, nimmt ein knapp dreißigminütiges Stück seinen Lauf, das für den Hörer puren Stress bedeutet. Das Dröhnen der Rotorblätter mischt sich mit dem Dauer-Tremolo der Streicher, dagegen schreien die Musiker Zahlenreihen wie galaktische Hexen ihr Einmaleins. (…) Ist es ein dramaturgisches Manko, dass das Streichquartett der Deutschen Oper nicht live in die Hubschrauber steigt, sondern die Szene Wochen zuvor auf einem Flugplatz südlich von Berlin aufgenommen wurde? Man darf beruhigend vermelden, dass sich der Event-Charakter, aber auch die Dringlichkeit der akustischen Brutalität schon durch die Wiedergabe des bloß Aufgezeichneten mitteilt."
Manuel Brug hätte den Abend mit Magic Mushrooms vielleicht besser überstanden, überlegt er in der Welt, so geht das Ganze stattdessen "wenig inspirierend zu Ende mit dem sauschwer zu singenden wie zu spielenden 'Michaelion' für Chor und Instrumentalisten und dem 'Operator' - einem Bass mit Kurzwellenempfänger - als finalem Trip für die Jünger, als Qual für die Skeptiker. Gag der Aufführung ist ein nicht aufhören wollendes, an sich selbst verzücktes Tanderadei der 'kosmischen Solidarität': ein Bälle in den 'Licht'-Tagesfarben kackendes Luzikamel als neuer Weltenherrscher; ein puscheliges Stockhausen-Original von 1998, extra entlaust. Und was soll man sagen, kritisieren? Man muss diese Mixtur aus Hochamt und Kasperletheater, verfertigt vom 'Radioapparat Gottes' (als solcher verstand sich Stockhausen) einfach glauben. Sonst ist man verloren." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und in dertaz.
Weiteres: Egbert Tholl reist für die SZ nach Meiningen, ein kleines thüringisches Städtchen, das seit Langem ein erstaunliches Theateridyll ist. Jakob Hayner fragt sich für die Welt in Frank Castorfs "Mephisto"-Inszenierung am Berliner Ensemble, wie viel Faschismus wir alle in uns haben. Bernd Noack stellt in der NZZÇagla Ilk vor, die neue Intendantin des Gorki-Theaters, die ganz andere Pläne für das Haus hat als ihre Vorgängerin Shermin Langhoff.
Besprochen werden: "Metropolis", inszeniert von Sebastian Nübling nach dem Film von FritzLang am Staatstheater Wiesbaden (FR), Ulrich Rasche inszeniert Kleists "Prinz von Homburg" in Düsseldorf (FAZ, Nachtkritik), Clara Weyde inszeniert Dorothee Elmigers Roman "Die Holländerinnen" am Theater Magdeburg (Nachtkritik), Ibsens "Die Wildente", Regie führt Selen Kara am Schauspiel Essen (Nachtkritik), Tschechows "Kirschgarten", inszeniert von Rebekka David am Theater Bonn (Nachtkritik), am Landestheater Niederösterreich in St. Pölten inszenieren gleich elf Regisseurinnen und Regisseure Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" (Nachtkritik), Anno Schreiers Oper "Peter van Pels" am Theater Osnabrück (SZ), Christopher Rüpings "Deutscher Herbst" auf der Ruhrtriennale (taz) und Frank Castorfs Inszenierung von Klaus Manns Roman "Mephisto" am Berliner Ensemble (taz).
Frank Castorf inszeniert Klaus Manns "Mephisto" am Berliner Ensemble mit Jens Harzer in der Hauptrolle. Trotz der über sechsstündigen Dauer ein "Must-see" fürNachtkritikerin Christine Wahl, vor allem wegen Harzer: "Es ist, man kann es nicht anders sagen, sensationell, wie er diesen Höfgen wechselweise durchleidet und in die Farce treibt, wie er sich als Künstler seine eigenen Ausflüchte zu glauben scheint, um im nächsten Moment mit forscher Selbstkritik in die Offensive zu gehen und am Schluss als gebrochener Mann an der Rampe zu stehen." Es ist kein klassischer Castorf, meint Wahl, eher scheint es, "als hätte jemand die Regler ein Stück runtergedreht - und die freigewordene Energie in Konzentration und Verdichtung investiert. Wie sich die Newbies vom BE die alten Castorf-Tools greifen und diesen hochenergetischen Überschuss, den man von den angestammten Castorf-Spielerinnen und -Spielern kennt, sanft in Form und Kontur kanalisieren - das ist wirklich ganz anders als einst in der Volksbühne - und anders großartig!"
Für Simon Strauß in der FAZ bleibt der Abend tendenziell hinter den Erwartungen zurück, denn Castorf inszeniert "ohne besondere Anstrengung, ohne besonderen Aplomb. Mit leicht angezogener Handbremse, so kommt es einem vor, als ob er erst mal schauen will, was passiert, wenn man so eine Figur heute auf die Bühne stellt. Ohne diese Bühne zum Abbild der Gegenwart zu machen, denn die AfD kommt an diesem sechsstündigen Abend nicht vor. ... Kein 1933-ist-Jetzt-Gefühl, keine rappelnde Ideologie-Schleudertrommel und auch kein typisches Castorf-Ensemble." Rüdiger Schaper erlebt im Tagesspiegel hingegen eine "makabre, bewegende Revue". Sie ist durchaus unbequem: "Die Frage wird aufgeworfen: Wie hätte man sich damals verhalten? Bleiben oder fliehen? In anderer Art und Weise galt das für die DDR, da gingen viele Theaterstars in den Westen. Oder konnten pendeln zwischen den Welten, wie Castorf in der Endzeit der DDR. Sie sind nur Schauspieler. Castorf-Schauspieler."
Weiteres: Marta Kijowska gratuliert dem Krakauer Künstlerkabarett "Piwnica Pod Baranami" in der FAZ zum siebzigsten Geburtstag. Opernhäuser am Rhein fallen derzeit ja eher durch Finanzierungsprobleme auf, weiß Manuel Brug in der Wams, da ist der neue Monheimer Kulturort K714 eine rühmliche Ausnahme. Rüdiger Soldt fasst in der FAZ noch einmal die Diskussion um die Sanierung der Stuttgarter Oper zusammen (unsere Resümees). Die Sanierung der Kölner Bühnen war auch nicht ganz billig (unsere Resümees) und die Zinsen belasten die Konten der Rheinmetropole noch für fast vierzig Jahre, ächzt Hubert Spiegel ebenfalls in der FAZ. Für den Tagesspiegel berichtet Regine Müller von der Kölner Sanierung.
Besprochen werden: "Deutscher Herbst" von Christopher Rüping, mit Texten von Stig Dagerman, Caspar David Friedrich und Blümchen auf der Ruhrtriennale (Nachtkritik), Brechts "Dreigroschenoper" in der Inszenierung von Pınar Karabulut am Schauspielhaus Zürich (Nachtkritik, NZZ) und Aribert Reimanns Oper "Lear", inszeniert von Barrie Kosky an der Komischen Oper im ehemaligen Flughafen Tempelhof (Tagesspiegel).
Szene aus "Lear". Foto: Monika Rittershaus In der monumentalen Architektur von Hangar IV des Tempelhofer Flughafens kam Aribert Reimanns Oper "Lear" erstmals vollkommen zu ihrem Recht, jubeln die Kritiker einstimmig nach Barrie KoskysInszenierung zum Saisonauftakt der Komischen Oper. "Das dürfte jedenfalls klangdramaturgisch gelten", schreibt Gerald Felber in der FAZ, "weil erst ein Raum wie dieser eine unbeengte Entfaltung der geforderten riesigen Schlagwerkbatterien ermöglicht: ein eigenes Kleinensemble mit mindestens fünf Spielern, das nun gegenüber dem ohnehin gewaltigen Hauptorchester separat auf einem mehrstöckigen Metallgerüst platziert wurde und von dort vor allem während der Heide-Sturmszene genau jenen niederschmetternd betäubenden Lärm zu entfalten vermochte, der dem Komponisten vorgeschwebt haben dürfte."
Nachtkritiker Janis El-Bira schwärmt von einem "Ereignis der Extraklasse": "Reimanns 'Lear' ist so furchteinflößend, lärmend und terrorisierend, dass er eigentlich fast schon wieder komisch sein müsste - ist er aber nicht. Er packt die Wahnsinnigen aus diesem wahnsinnigsten aller Shakespeare-Stücke bei der nackten Haut, schält sie ab bis auf die Knochen und dann noch weiter. Bis das kleineMenschen-Atomblutig offenliegt, wimmernd und greinend, wie jener Graf von Gloster (Günter Papendell), dem Lears machthungrige Töchter unter dem Kreischen des Orchesters die Augen ausreißen. Furchtbar ist das alles und doch so unwidersprochen atemberaubend, wenn 48-fach geteilte Streicher in der Sturmszene zu fauchen beginnen, oder wenn es zwischendrin süffig nach Musikgeschichte klingt." Für die tazwar Katharina Granzin vor Ort, für die FR Judith von Sternburg und für den Tagesspiegel Udo Badelt.
Fast ein Vierteljahrhundert ist Bernd Loebe nun Intendant der Oper Frankfurt. Im Interview mit der FRspricht er über die Zukunft der Oper, rechtsextreme Kulturpolitik und die italienische Oper in der Krise: "Ausgerechnet in Italien, dem Mutterland der Oper, ist die Ausbildung schon lange nicht mehr besonders gut. Und die besten Stimmen und auch die besten Lehrer gehen noch dazu ins Ausland, und sei es nach China, wo sie überall viel mehr Geld verdienen als im eigenen Land. Dazu kommt, dass italienische Oper gar nicht mehr so selbstverständlich gespielt wird. Früher war italienische Oper das Repertoire schlechthin, alle hatten Puccini und Verdi im Programm. Heute machen wir an einer Stelle mal 'Ballo' und machen noch mal vielleicht eine Wiederaufnahme 'Rigoletto' oder 'Butterfly'. Aber für anderes haben wir viel bessere Stimmen. Und wenn man auf die überregionale Aufmerksamkeit schaut, nicht zuletzt in der Presse, ist es auch geschickter, nach anderen interessanten Werken zu schauen."
Weiteres: Egbert Tholl meldet in der SZ leise Zweifel an, ob der Belgier Peter de Caluwe der richtige Intendant für die Salzburger Festspiele ist, in der NZZ kommentiert Christian Wildenhagen. Besprochen werden außerdem das Patomimefestival Salon de Mime im Theaterforum Kreuzberg (taz) und das Festival "Bayreuth Baroque" im Bayreuther Friedrichsforum (Welt).
In der NZZ erinnert Rico Bandle an den jüdischen Weingroßhändler Ferdinand Rieser, der 1926 das Zürcher Schauspielhaus erwarb, zahlreiche verfolgte Künstler aus Nazi-Deutschland holte und das Schauspielhaus zu einem Zentrum des künstlerischen Widerstands machte. Gewürdigt wird er bis heute nicht, weiß Bandle: Zum einen, weil eine Restitution des Schauspielhaus-Gebäudes, das Rieser 1938 auf der Flucht vor den Nazis verließ, an die Rieser-Erben durchaus thematisiert werden könnte. Zum anderen, weil selbst Schauspieler wie der Kommunist Wolfgang Langhoff, den Rieser aus dem KZ rettete, ihm vorwarfen, ein "kapitalistischer Ausbeuter" zu sein: "In der Langhoff-Biografie von Esther Slevogt (2011) wird die ideologiegetriebene Abneigung der Schauspieler gegenüber ihrem Chef folgendermaßen beschrieben: 'Rieser hatte [. . .] meist nicht nur die von der Fremdenpolizei geforderte Kaution für die von ihm engagierten Schauspieler aufgebracht - allein für Langhoff sind es im Sommer 1934 2000 Franken -, sondern später Schauspieler auch persönlich aus dem Urlaub zurückgeholt, wenn ihre Abschiebung drohte, und sie in seiner Villa untergebracht, bis die Gefahr abgewendet war, was später kaum einer der von ihm geretteten Schauspieler je für erwähnenswert hielt. Stattdessen beteiligten sie sich am Fortschreiben des rufmörderischen Mythos vom kunstfernen, gagenwuchernden Weinhändler.'"
Weitere Artikel: Der Belgier Peter de Caluwe, fast 20 Jahre Intendant in Brüssel, wird Nachfolger des geschassten Intendanten Markus Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen, verkündet Manuel Brug in der Welt. Für die Zeit trifft sich Peter Kümmel mit Nina Hoss, die derzeit acht mal die Woche mit Cate Blanchett im Stück "Electra/Persona" auf der Bühne des Londoner Lyttelton Theatre steht.
Besprochen werden Tobias Kratzers Macbeth-Inszenierung an der Hamburger Staatsoper (Zeit), Anna Bergmanns Inszenierung von Henrik Ibsens "Gespenster" am Theater Basel (FAZ) und eine, wie uns Thomas Wochnik im Tagesspiegel versichert, musikalisch phänomenale Inszenierung von George Gershwins Oper "Porgy und Bess" durch das Londoner Chineke! Orchestra und die Vokalisten der Cape Town Opera an der Berliner Philharmonie.
Szene aus "Legende". Foto: Frol Podlesnyi Fasziniert berichtet Kerstin Holm in der FAZ vom Berliner Festival "Kirill und Friends", bei dem der russische Regisseur Kirill Serebrennikov zehn Tage lang Theaterproduktionen, Podiumsgespräche oder neue Autorenfilme zeigt. Darunter den Bilder-Reigen "Legende" über Leben und Werk des sowjetarmenischen Filmregisseurs Sergej Paradschanow: "Serebrennikov, der selbst wegen fadenscheiniger Anschuldigungen in Moskau mehr als ein Jahr im Hausarrest saß, lässt in zehn bildstarken Einzel-'Legenden' Künstlerfiguren auftreten, mit Umhängebart und -bauch als Paradschanow selbst, aber auch als Poet oder Narr. In der Legende vom verfluchten Dichter flüstert dieser einem Jüngling die Worte des späten Paradschanow zu: Er räche sich an der ihm gegenüber feindseligen Welt - durch Liebe. Aus Priestersprüchen, wonach Jugend, Unschuld und schöne menschliche Körper das beste Opfer seien, scheint Serebrennikovs Kommentar zum Krieg zu erklingen, bei dem böse Alte die Jungen hinschlachten."
Weiteres: Für die SZ porträtiert Dorion Weickmann die 26 Jahre alte Ballerina Elisabeth Tonev, seit einem Jahr Erste Solistin am Bayerischen Staatsballett, die nun in John Neumeiers "Kameliendame" zu sehen sein wird. Einst war es Sache des Theaters die "Vierte Wand", also die Trennung zwischen Schauspielern und Publikum zu durchbrechen, heute existiert sie dank Kommentarspalten oder Bewertungsportalen gar nicht mehr, beklagt die Schriftstellerin Anne Rabe in ihrer nachtkritik-Kolumne. Für die NZZ porträtiert Ueli Bernays Mathieu Bertholet, der seit einem Jahre das Zürcher Theater Neumarkt leitet. Nachtkritiker Vincent Koch besucht das Osten-Festival in Zschornewitz, "ein Auffangbecken für alle, die an ein anderes Sachsen-Anhalt glauben". Für seinen Jelinek-Abend "Die Ankunft" konnte Jan Philipp Gloger, Leiter des Wiener Volkstheaters, seine Vorgängerin, die inzwischen 88-jährige Emmy Werner engagieren, die als erste Elfriede Jelinek auf die Bühne brachte: Im Standard-Gespräch mit Margarete Affenzeller erinnert sie sich an die Proteste. Besprochen wird außerdem Jakob Peters-Messers Inszenierung von Wagners "Meistersingern" im Mindener Stadttheater (Welt).
Szene aus "Mazeppa". Bild: Xiomara Bender Weshalb Matthew Wild seine Inszenierung von Peter Tschaikowskis Oper über den korrupten Kosakenführer "Mazeppa" an der Oper Frankfurt vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine spielen lässt, ist Jan Brachmann in der FAZ zwar ein Rätsel. Und auch auf die Ästhetik von Splattermovies und Gräuelvideos, die an IS-Terroristen erinnern, hätte Brachmann verzichten können. Die Musik aber ist ein "Ereignis", schwärmt er: "Dabei hört man dem überragenden Sänger Alexander Roslavets zu, wie er als Kotschubej die Stimme zum Sinnträger, zum tönenden Medium von Bedeutung macht: Die Farben wechseln versweise von Schmerz übertönendem Stolz in stille Wehmut der Erinnerung. Dann verengt er seinen Bass zur eisig-leisen Schärfe der Verachtung, um ihn wieder zu öffnen zur dröhnenden Hoffnung auf Rache. Das alles aber bei genauester, schönster Tongebung, ohne naturalistisches Grunzen, Schluchzen, Keifen. Dieser Mann singt im Erleiden von Schändung mit höchster Kunst." Für die FR bespricht Judith von Sternburg die Inszenierung.
Szene aus "Das deutsche Haus". Foto: Kerstin Schomburg Mit Lilja Rupprechts Adaption von Han Kangs Roman "Die Vegetarierin" und Jorinde DrösesAdaption von Annette Hess' Roman "Das deutsche Haus", schlägt das Hamburger Thalia Theater zur neuen Saison stark auf, staunt Stefan Grund in der Welt. Vor allem Dröses Inszenierung über das deutsche Schweigen nach der Entnazifizierung beeindruckt, nicht zuletzt durch Originalaufnahmen des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, so Grund: "Der Abend öffnet den Blick für aktuelle gesellschaftliche Verwerfungen im wiedervereinigten Deutschland, auf unterschiedliche Phasen und Intensitäten der Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland in West und Ost, mit einem anhaltenden Prozess, der längst nicht abgeschlossen ist. Sie öffnet den Blick auch für den Umgang mit eigener Schuld in Diktaturen, auf Verdrängung, auf Ursachen von Rassismus und Faschismus. Und er erweitert das historische Verständnis."
Besprochen wird außerdem Oliver Reeses Adaption von Yasmina Rezas Roman "Glücklich die Glücklichen" am Berliner Ensemble (FAZ), das Stück "Extrawurst" von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob an der Frankfurter Komödie (FR), Rieke Süßkows Inszenierung des "Macbeth" am Wiener Volkstheater (Welt) und Tobias Katzers "Macbeth" an der Hamburger Staatsoper (SZ).
"Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk". Foto: Arno Declair.
"Wahnsinn" findet es Zeit-Kritiker Tobi Müller, wie Regisseur Jan-Christoph Gockel am Schauspiel Frankfurt "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" auf gleich drei Arten in einem Abend inszeniert. Die ersten beiden Teile orientieren sich an den Vorlagen von Jaroslav Hašek und Bertolt Brecht, im zweiten Teil verlegt Gockel die Figur Schwejks in die Gegenwart, in den Ukrainekrieg, für Müller überzeugt vor allem die erste Hälfte mit einem Humor, der die Abgründe im Menschen freilegt: "Brechts Text knallt und mischt den saftigen Figuren tüchtig Materialismus ins Verhalten, das bereits vom Nationalsozialismus vergiftet ist, selbst wenn sie keine Nazis sind. 'Ich hab keine Einstellung, ich hab ein Wirtshaus', sagt die Wirtin. Schwejk kürzt das 'Heil Hitler' zu 'Heitler' ab und schüttelt dazu viele Hände im Publikum in Frankfurt - wer möchte sie dem sympathisch grinsenden Koch verwehren? Es fröstelt einen." Aber es macht ihm auch "Spaß, zuzuschauen, wie die Figuren in der absurden Komödie vorgeführt werden".
Der Regisseur mit russischen Veteranen gesprochen, die die Schlacht um Bachmut mitgemacht haben, erzählt Judith von Sternburg in der FR. Das Grauen, der Schrecken trifft sie hart: "Wie sich die Kriege gleichen, wie sich die unerträgliche Mischung gleicht: ums nackte Überleben zu kämpfen und zugleich selbst das Rädchen einer Todesmaschine zu sein. Dass es auch hier Grund zum Lachen gibt, macht es nicht bequemer. Dass sicher eh alle auf der Bühne und im Saal gegen Krieg sind, macht es nicht weniger triftig, zumal der Blick dahin geht, von wo aus der aktuelle Krieg sofort beendet werden könnte: nach Russland. Dieser Abend bietet gute drei Stunden lang keine Lösung und keine Hoffnung an, außer der, die im 'Lied von der Moldau' steckt. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag." Weitere Besprechung in der FAZ.
Besprochen werden Verdis Oper "Macbeth", inszeniert von Tobias Kratzer an der Hamburgischen Staatsoper (Welt, FAZ), Tankred Dorsts "Merlin oder Das wüste Land" im Akademietheater Wien, Regie von Antú Romero Nunes (FAZ), "Macbeth" inszeniert von Rieke Süßkow am Volkstheater in Wien (FAZ, taz), "Der Abend vor dem Danach" von Lisa Wentz am Schauspiel Frankfurt (FR, Nachtkritik), Marius von Mayenburgs "Egal" von Florian Fiedler am Theater Luzern (Nachtkritik), Oliver Reese inszeniert Yasmina Rezas "Glücklich die Glücklichen" am Berliner Ensemble (Tagesspiegel, Nachtkritik) und Jorinde Dröse bringt Annette Hess' Roman "Deutsches Haus" auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters (SZ).
Christoph Marthalers "Erste letzte Sekunde. Eine Gala" beim Lausitz Festival, eine Art "Abfolge von Gala-Moderationen" aus den letzten fünfzig Jahren, kam mit viel Musik, Arien, Liedern, Chansons, Schlagern, Hits. "Unter dieser sehr lustigen und sehr berührenden musikalischen Umschmeichelung dringt irgendwann doch der Text wieder hervor", stöhnt eine amüsiert-entsetzte Wiebke Hüster in der FAZ: "Auch wenn dieser neue Theatermusizierabend von Team Marthaler leider nur hundert Minuten lang ist und damit ein kürzeres Fest als andere seiner Inszenierungen, erinnert er an erschütternd viele unvergessliche Unterhaltungssätze, die im Gedächtnis der deutschsprachigen Unterhaltungsbranche und ihrer alt werdenden Konsumenten bloß nach hinten gerutscht waren. Die wir glücklich vergessen hatten: Danke dafür, Christoph Marthaler!"
Berlins Schuldenstand ist auf Rekordniveau und wird immer höher. Keine guten Aussichten für die Bühnen der Hauptstadt. Die nachtkritiker Hilko Eilts und Elena Philipp fühlen sich an die Zeiten des wiedervereinigten Berlin Anfang der 1990er Jahre erinnert: "Wie damals stehen Berlins Theaterschaffende ... vor sehr grundsätzlichen Fragen. Wie ist es um den Erhalt der in ihrer Dichte und Diversität auch in globalem Maßstab einzigartigen, in weiten Teilen historisch gewachsenen Berliner Theaterlandschaft bestellt? So wie Anfang der 1990er Jahre geht es dabei um viel mehr als nur ums Geld. Es geht um Fragen der strukturellen Weiterentwicklung eines beispielhaften künstlerisch-institutionellen Gefüges". Um das zu erhalten, erinnern die beiden an einen Vorschlag in einem vom damaligen Kultursenator Ulrich Roloff-Momin 1990 in Auftrag gegebenen Nagel-Gutachtens, das die Vorstellung einer Alleinfinanzierung der wiedervereinigten Berliner Theaterlandschaft durch das Land Berlin als "bedrohlich und regelrecht ruinös" kritisierte. "Die Stellung Berlins als der neuen Bundeshauptstadt erfordere, so die Autoren, unter Berücksichtigung des für die Kulturförderung geltenden Föderalitätsgrundsatzes, 'dass die nationalen Kultureinrichtungen dauerhaft vom Bund mitgetragen werden'". Auch weniger "unbedarftes Personal" in den kulturpolitische Leitungsfunktionen wäre hilfreich, meinen die beiden nachtkritiker.
Weiteres: Martin Scholz unterhält sich für die Welt mit dem Comedy-Star Bülent Ceylan, der gerade das Rollenfach gewechselt und an der Berliner Staatsoper den Bassa Selim in Mozarts "Entführung aus dem Serail" gegeben hat: Bei der Oper will er auf Dauer nicht bleiben, Metal liebt er am Ende doch mehr, sagt er. In der NZZbeschreibt Christoph Forsthoff die Bemühungen, ausgehend von Bayreuth eine Gluck-Renaissance einzuleiten.
Besprochen werden Jan-Christoph Gockels Inszenierung der "Abenteuer des braven Soldaten Schwejk", die in einer Schlacht im ukrainischen Bachmut endet, am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik), Jorinde Dröses Adaption von Annette Hess' Roman "Deutsches Haus" am Thalia Theater ("unspektakulär und funktional. Und bestens für die Oberstufe mit Geschichtsprofil geeignet", urteilt nachtkritikerin Katrin Ullmann), Rieke Süßkows Inszenierung des "Macbeth" am Volkstheater Wien (nachtkritik), Anna Bergmanns Inszenierung von Ibsens "Gespenstern" am Theater Basel (nachtkritik), Stockhausens Oper "Mittwoch aus Licht" in der Deutschen Oper (wegen einer Technikpanne konnten die meisten Besucher das per Funk übertragene "Helikopter Quartett" auf dem Flugplatz Schönhagen nicht hören, dennoch war das ganze ein Erfolg, versichert Thomas Lindemann in der FAS) und Benedict Andrews' "Electra/Persona" am National Theatre in London mit Cate Blanchett und Nina Hoss (FAS).
Der Regisseur Jan-Christoph Gockel wird den "Schwejk" am Schauspiel Frankfurt inszenieren, zuerst im Original nach Jaroslav Hašek, dann nach Bertolt Brecht und schließlich in einer dritten Version unter dem Titel "Bachmut". Im FR-Gespräch mit Judith von Sternburg erzählt er von den Gesprächen, die in Vorbereitung für das Stück anonym mit russischen Soldaten geführt wurden: "Das sind unter anderem die Gedanken und die Reflexionen eines Soldaten, der nach seinem Dienst auf das schaut, was er getan hat. Vor zwei Tagen gab es noch einmal einen Kontakt. Er wurde gefragt: 'Würdest du zustimmen, wenn der Krieg jetzt endet, dass die Leute, die sich schuldig gemacht haben, ins Gefängnis gehen?' Darauf sagte er: 'Fuck, was? Dann müsste ich ja ins Gefängnis.' Und dann fing er an zu überlegen. Na gut, dann müsste auf jeden Fall die Regierung ins Gefängnis. Und für Leute wie ihn, sagte er, gebe es doch Spezialisten, die das beurteilen müssten. Das Völkerrecht also. Da ist Reflexionsraum, und man sieht auch, dass diejenigen recht haben, die sagen: So brutal und diktatorisch es zugeht, da gärt trotzdem etwas."
Vergangenes Jahr wurde das Theater Magdeburg Theater des Jahres (unser Resümee), nach dem AfD-Wahlsieg regiert nun allerdings die Angst, bekennen Clemens Leander und Bastian Lomsché aus dem Leitungsteam im SZ-Gespräch mit Peter Laudenbach. Zum Teil sei der AfD-Erfolg bereits spürbar, so Leander: "Wir müssen derzeit die Stelle eines Inspizienten neu besetzen. Nach der Wahl haben mehrere qualifizierte Leute ihre Bewerbung zurückgezogen, zum Teil mit der politischen Lage in Sachsen-Anhalt als Begründung. Schon in den vergangenen Jahren sind immer wieder Kolleginnen und Kollegen gegangen, weil sie sich und ihrer Familie dieses Klima des Alltagsrassismus nicht mehr antun wollten." Und Lomsché ergänzt: "Dieses Jahr wird ein neuer Theatervertrag mit dem Land verhandelt, da kann eine AfD-Landesregierung ansetzen. Die Stadt Magdeburg ist finanziell nicht auf Rosen gebettet, sie braucht das Geld des Landes, um das Theater zu unterhalten. Sollten die Landesmittel wegfallen, weil der AfD-Landesregierung das Theaterprogramm nicht gefällt, wird es sehr schwierig."
Weitere Artikel: Für die Kulturbeilage der Zeit spricht Jolinde Hüchtker mit der Autorin Anne Jelena Schulte, deren Stück "The truest True Crime. Eine Geschichte vom Überleben" ab Dezember in den Münchner Kammerspielen zu sehen ist und ihre Vergewaltigung vor 30 Jahren thematisiert, über den True-Crime-Boom. Sven Behrisch plaudert ebenda mit dem österreichischen Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan über seine Stücke, die in der kommenden Saison am Deutschen Theater in Berlin und am Münchner Residenztheater zu sehen sein werden. In der FAZ ist Wiebke Küster glücklich, dass das Königliche Dänische Ballett in Kopenhagen seine neue Spielzeit unter dem Titel "Til Glæden / August Bournonville" eröffnet und damit Dänemarks berühmtesten Ballettdirektor würdigt.
Besprochen wird Lily Kuhlmanns Inszenierung von Erich Kästners "Fabian" an der Berliner Vagantenbühne (taz) und das Stück "Früchtchen des Zorns" von SKART, Dasniya Sommer und dem Ensemble des Theater Thikwa in Berlin (nachtkritik).
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