9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2026 - Religion

Szenen aus dem religiösen Leben. Sarah Mullally, die Erzbischöfin von Canterbury und erste Frau, die je zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche gewählt wurde, übergibt ihrem muslimischen Amtskollegen Hafiz Tahir Ashrafi aus Pakistan einen Preis für religiöse Versöhnung. Er erschien zu diesem feierlichen Anlass am 11. September (sic) mit seiner Frau an seiner Seite.


Mouhanad Khorchide, als Sohn palästinensischer Flüchtlinge im Libanon geboren, in Riad aufgewachsen und heute österreichischer Staatsbürger, ist Leiter der ersten eigenständigen Fakultät für Islamische Theologie an einer deutschen Universität (Münster), lehrt tatsächlich einen liberalen, auf Versöhnung ausgelegten Islam. Er bekommt dafür allerdings keine Preise, sondern muss mit permanentem Polizeischutz leben. "Ich mache das für die Muslime", erklärt er im ganzseitigen Interview mit der Zeit: "Es gab zwar immer Verlage oder Zeitungen, die mir anboten, destruktive Texte zu schreiben über sämtliche Defizite des Islams. Die wollten, dass ich meine Religion in die Pfanne haue. Aber das lehne ich ab. Am meisten stört mich die apologetische Haltung vieler Islamtheologen, das Bedürfnis, anderen zu beweisen, wie toll wir sind. Ich benutze auch nicht den Begriff 'antimuslimischer Rassismus', weil er inzwischen ein Kampfbegriff der Islamisten ist, um die ganze Gesellschaft zu stigmatisieren als Täter. Ich bin enttäuscht, wenn Wissenschaftler da mitmachen." Einfach kann seine Arbeit in Deutschland nicht sein. Viele seiner Studenten "sind sozialisiert in den Verbänden. Da sitzen Erstsemestler, und ich lese in ihren Augen den Verdacht: Der will unsere Religion kaputt machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2026 - Religion

In Österreich ist das muslimische Kopftuch an Schulen für Mädchen unter 14 Jahren verboten worden (unser Resümee) - es ist ein mildes Verbot: Ein erster Schritt bei Zuwiderhandlung sieht voraus, dass die Schule das Gespräch mit den Eltern sucht. Das Verbot sorgt dennoch für Empörung. Der islamkritische Autor Murat Kayman erläutert in einem interessanten Essay auf seinem Blog, wie das Kopftuch bei Mädchen innerhalb der muslimischen Gemeinden gelesen wird - die religiöse Frage überdeckt sich dabei mit der gesellschaftlichen: "In den muslimischen Gemeinschaften stellen wir die Frage nach der Frömmigkeit einer Familie so gut wie nie explizit. Wir sehen hin. Wir registrieren, welche Töchter in diesem Sommer angefangen haben, ein Kopftuch zu tragen, wir erkundigen uns bei der Mutter mit einer Beiläufigkeit, die in unseren Gemeinden jeder zu lesen weiß, wir loben die Elfjährige vor den Augen ihrer Cousinen für einen Schritt, den wir Reife nennen. Wir nennen den ganzen Vorgang anschließend in den öffentlichen Debatten 'eine persönliche Entscheidung des Kindes'. Der Druck, den wir dabei ausüben, kommt ohne einen einzigen Befehl aus. Er arbeitet mit Sichtbarkeit. Töchter sind das sichtbarste Merkmal einer Familie, weil ihr Kopftuch das einzige ist, das sich von außen auf einen Blick ablesen lässt. Die Frömmigkeit des Vaters bleibt weitestgehend eine Behauptung. Das Tuch der Tochter ist der alltägliche Beweis. Die Vehemenz, mit der das Kinderkopftuch verteidigt wird, hat ihre Ursache nicht im großen Respekt vor der Entscheidung eines Kindes, sondern in der symbolischen Aussagekraft, die das Tuch über die religiöse Haltung der Eltern nach außen ausstrahlt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2026 - Religion

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Muslime müssen jüdisches Leben schützen, fordert im epd-Gespräch mit Michael Grau der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, der im vergangenen Jahr das Buch "Ohne Judentum kein Islam" veröffentlicht hat, in dem er die These vertritt, dass die Wurzeln des Islam im Judentum liegen: "Dass dieses Bewusstsein in der islamischen Welt bislang wenig verbreitet sei, liege vor allem an politischen Erzählungen rund um den Nahost-Konflikt und an gezielter Propaganda von Islamisten in sozialen Medien, sagte er. Dabei stünden sich beide Religionen theologisch extrem nahe. Der Islam habe den jüdischen Monotheismus übernommen und weitervermittelt. 19 im Koran genannte Propheten fänden sich auch in der hebräischen Bibel wieder. Zudem basierten Speisevorschriften auf jüdischen Traditionen, und die ersten Muslime hätten jahrelang in Richtung Jerusalem gebetet. 'Solche Gemeinsamkeiten müssen wir im Bildungssystem, in der Jugendarbeit und in den Medien dauerhaft als Narrativ verankern', forderte Khorchide. Islamistische Gruppen rissen kritische Textstellen aus der Frühzeit des Islam aus dem Kontext, um antijüdische Pauschalaussagen zu verbreiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2026 - Religion

Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ erzählt Marc Zitzmann die bewegte hundertjährige Geschichte der großen Moschee von Paris, die vor allem Islamisten ein Dorn im Auge ist, besonders unter dem aktuellen Rektor Chems-Eddine Hafiz: "Hafiz kämpft nicht nur gegen den Terrorismus, sondern auch gegen den Fundamentalismus. In Wort: mit Büchern wie einem 2021 erschienenen 'Manifest gegen den islamistischen Terrorismus' oder einem jüngst veröffentlichten neunhundertseitigen Sammelband zum Thema 'Muslime im Abendland'. Und in Tat: mit einem Programm zur Radikalisierungsprävention oder mit der letztjährigen Eröffnung der École nationale Ibn Badis, die Imame 'à la française' ausbildet. Mit seinen häufigen Solidaritätsbezeugungen gegenüber Juden, mit Verlautbarungen wie 'Frauen sind die Zukunft des Islams' oder 'Den Schleier sollte es in Frankreich nicht geben' bringt er die Bärtigen zum Haare-Ausraufen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2026 - Religion

Die Ethnologien Susanne Schröter untersucht in der NZZ das ambivalente Verhältnis der islamischen Welt zu Homosexualität. Diese sei geprägt "durch eine auffällige Diskrepanz zwischen Norm und tatsächlichem Verhalten." Zu dieser Historie gehört auch die Existenz eines "dritten Geschlechts" in vielen islamischen Ländern: "In vielen Gesellschaften existiert das Dilemma, dass von jungen Männern erwartet wird, sich als viril und sexuell aktiv zu zeigen, gleichzeitig jedoch Mädchen und Frauen zu meiden. Die Lösung besteht in der Erschaffung einer Kategorie des 'dritten Geschlechts', oft mit eigener Bezeichnung und spezifischen Vorgaben für Kleidung, Verhalten und Handlungsspielräume. Stets betrifft es biologische Männer, die sich Attribute des Weiblichen aneignen und mit Männern Sexualverkehr haben können, ohne dass dies die heteronormative Ordnung beeinträchtigt. In Oman heißen sie Xanith, schminken sich stark, bemühen sich um effeminierte Bewegungen und sprechen mit hoher Stimmlage. Sie gehen mit Männern sexuelle Beziehungen ein, die sich selbst als heterosexuell verstehen." Da "Xanith auch als Substitute für die nicht ohne Gefahr für Leib und Leben erreichbaren jungen Frauen figurieren, stabilisieren sie sogar die rigide sexuelle Ordnung, die sie durch ihre Existenz gleichzeitig implizit negieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2026 - Religion

Eric Kirschbaum geht in der Welt der Frage nach, "warum die katholische Kirche in den USA wächst". Ein Faktor liegt dabei auf der Hand: Die katholische Kirche in den USA ist heute von den Latinos geprägt, Nebenbei gibt es eine kleine aber einflussreiche Bewegung weißer Konvertiten, zu der J.D. Vance gehört. Politisch ist die Angelegenheit widersprüchlich: "Weiße Katholiken wählen mehrheitlich republikanisch. Viele Latino-Katholiken lehnen Trumps harte Rhetorik gegen Einwanderer ab, unterstützten ihn aber bei der Wahl im Jahr 2024 wegen seiner Wirtschafts-, Familien- oder Gesellschaftspolitik. Gerade das unterschätzten viele Demokraten, vor allem in wichtigen Bundesstaaten wie Texas und Florida. Vielleicht wiederholt sich hier lediglich amerikanische Geschichte. Im 19. Jahrhundert galten irische Katholiken vielen Amerikanern als Gefahr für die protestantisch geprägte Republik. Später traf ähnliches Misstrauen Italiener, Polen und andere katholische Einwanderer."
Stichwörter: Katholische Kirche

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2026 - Religion

König Charles III. ist jetzt Oberhaupt einer Kirche, die Israel Genozid vorwirft. Die Church of England empfiehlt ihren Gemeinden ein Papier palästinensischer Christen, das diesen Genozid-Vorwurf vorbringt, berichtet unter anderem die Times of Israel. "Das Dokument trägt den Titel 'Moment der Wahrheit: Glaube in Zeiten des Völkermords' und ist auch als 'Kairos II' bekannt, benannt nach der palästinensisch-christlichen Bewegung 'Kairos Palästina', die es verfasst hat. Es beschreibt Israels Militäroperation im Gazastreifen nach dem von der Hamas angeführten Angriff vom 7. Oktober 2023 als Völkermord, bezeichnet Israel als 'auf Rassismus gegründetes Kolonialprojekt' und stellt fest, dass jahrzehntelange 'Besatzung', 'Apartheid' und 'Siedlerkolonialismus' den Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts bilden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2026 - Religion

Der Papst hat die traditionalistische Pius-Bruderschaft aus der Kirche ausgeschlossen, weil diese wiederholt Priester zu Bischöfen geweiht hatte und damit gegen den Willen das Vatikans handelte, wie der Historiker Volker Reinhardt in der NZZ resümiert. Früher hatte die Exkommunikation durchaus härtere Konsequenzen als heute, bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts bedeutete sie noch den Verlust aller persönlichen Rechte, man war als Exkommunizierter also "vogelfrei". Heute sieht es etwas anders aus: "Im Juni 2014 hatte Papst Franziskus die Mitglieder der 'Ndrangheta' für exkommuniziert erklärt, was dem Erfolg dieser kalabrischen Mafia in der ganzen Welt keinerlei Abbruch getan hat (...)" Aber, "dass er die uralte, fast schon vergessene Strafe wieder aus den Katakomben der Kirchenjustiz hervorholte, zeigt Papst Leo XIV., dass er sich ganz in der Tradition eines Gregor VII. und Innozenz III. versteht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2026 - Religion

Das Kopftuch gibt der Frau im Islam eine Art Macht, aber eine sehr zwiespältige, schreibt Güner Balci in einem kleinen Essay für die SZ: "Die Macht der ehrbaren, gottesfürchtigen Frau erwächst aus ihrer vermeintlichen Reinheit und der damit verbundenen moralischen Autorität. Die Drohung dahinter im Umkehrschluss: Infamie und Verdammnis. Ihre Regeltreue entscheidet über ihre Unversehrtheit. Genau deshalb ist die Verschleierung der Frau als Ausdruck verinnerlichter Geschlechtermoral weit mehr als eine modische Entscheidung. Das Verhüllen kann als Ausdruck von Frömmigkeit gelten; das Ablegen des Schleiers hingegen wird schnell als Verrat an der reinen Lehre gelesen und findet in der Gemeinschaft der Gläubigen oft einen starken Resonanzraum." Und Balci warnt: Der Druck auf die Mädchen wird eher größer.

Und der Iran macht immer noch vor, wie's geht, erzählt die iranische Autorin "Nona" in ihrer FAZ-Kolumne: "Mitten in diesem Durcheinander aus Abkommen und Kriegsende wurde vor kurzem das Urteil gegen die Sängerin Parastoo Ahmadi und ihre Band verkündet: zwei Jahre Berufsverbot, zwei Jahre Ausreiseverbot und 74 Peitschenhiebe. Weil eine Frau gesungen hatte. Und weil diese Frau, wie es in der Urteilsbegründung hieß, 'halb nackt' gewesen sei. Sie trug ein schwarzes Kleid, dessen Ausschnitt bis oberhalb ihrer Brüste reichte. Nichts weiter als ein ganz normales Frauenkleid."

Hier singt sie:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2026 - Religion

Die Piusbrüder, gegründet einst vom erzfundamentalistischen Bischof Marcel Lefebvre (1905 bis 1991), der die Messe lieber auf Latein und mit umstrittenen Passagen und dem Rücken zum Publikum lesen wollte, sind weiter unartig. Papst Leo XIV. ist inkonziliant, erzählt Matthias Rüb in der FAZ, und droht den verbliebenen Bischöfen der Brüder mit Exkommunikation. Von der Gruppe geht eine Gefahr aus: "Trotz - oder womöglich wegen - des Streits mit dem Vatikan ist die Piusbruderschaft in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Sie verfügt heute nach eigenen Angaben über 733 Priester, 264 Seminaristen und 145 Ordensbrüder. Hinzu kommen 250 Ordensschwestern und 88 Oblatinnen, aus insgesamt 50 Nationen. Einen besonderen Wachstumsschub an Gläubigen und Mitgliedern erfuhr die Gemeinschaft während und unmittelbar nach der Corona-Pandemie. Denn anders als die Amtskirche schlossen sich die Piusbrüder nicht den staatlichen Lockdown-Maßnahmen an."